Trinkgeld – Quo vadis?

5. Juli 2015

Neulich an der Theke. Ich bestelle ein Getränk, welches 3,70 € kostet und bekomme dieses von der Dame hinter der Theke mit den Worten „Macht 3,70 €“ ausgehändigt. Ich habe ihr den Betrag passend gegeben und plötzlich herrschte für ein paar Sekunden Stille, da sie wohl mit einem Trinkgeld gerechnet hat. Diese Situation brachte mich zum Nachdenken.

Trinkgeld gehört schon seit dem Mittelalter zum Usus in der Gastronomie und dient als zusätzliche freiwillige Gabe vom Kunden für einen guten Service. In Deutschland sind so ungefähr 10% der Rechnungssumme üblich. Andere Ländern haben da eine andere Tradition und andere Sitten.

Aus Sicht des Gastes muss ich klar sagen, dass ich mich manchmal echt schwer tue. Auf der einen Seite ist Trinkgeld eine Selbstverständlichkeit geworden, die automatisch gegeben wird, unabhängig von der bedienenden Person. Man rundet auf oder packt so 2-5 € auf die Rechnung oben drauf. Gehört zum guten Ton und man weiß ja, dass die Keller darauf angewiesen sind. Eigentlich ist diese Automatik falsch, denn das Geld ist nur gedacht für einen exzellenten Service. Genauso müsste eben auch ein schlechter Service abgestraft werden. Somit kommen durchschnittliche Kellner ganz gut weg, oder? Wie das Trinkgeld innerbetrieblich verteilt wird, steht auf einem anderen Papier. Dazu später mehr.

Wenn ich jetzt also als Gast wie im einleitenden Beispiel einen Großteil der Arbeit im Restaurant übernehme, mein Essen am Counter bestelle, selber abhole und mein Tablett wegbringe, gibt es ja auch keinen Grund mehr für Trinkgeld. Das ist bei entsprechenden Konzepten ungefähr genauso logisch wie das Klatschen nach der Flugzeuglandung. Hallo, da macht jemand seinen normalen Job. Wenn sich ein Servicemitarbeiter positiv hervortut, dann sollte dies honoriert werden. Dazu gehört meiner Meinung nach aber mehr als die Speisekarte bringen, sich alle Gerichte zu merken und diese richtig einzusetzen und die Rechnung zu bringen. Ein wenig mehr Aufmerksamkeit sollte schon drin sein. Wenn ich mich richtig wohl fühle und gerne über den Besuch berichte, dann hat auch der Kellner einen Anteil daran und das Trinkgeld ist gerechtfertigt.

Insofern ist es vielleicht an der Zeit, die Trinkgeldproblematik zu überdenken. Als langjähriger Gastronom weiß ich auch, wie schwer es ist, es allen Mitarbeitern recht zu machen. Welchen Anteil bekommt die Küche und die Spülküche? Die steuern ja auch einen Teil zum Erfolg bei. Werden alle Mitarbeiter gleich behandelt? Bekommen Aushilfen weniger? Wenn das ganze Trinkgeld abgegeben werden muss, führt das zu Falschaussagen und Demotivation. Darf der Kellner alles behalten, dann regen sich die Köche auf. Es gibt also unzählige Varianten, wie Trinkgeld aufgeteilt werden kann und alle sind falsch. Jedenfalls, wenn man die Beteiligten befragt. Irgendwer kommt immer zu kurz. Wenn jemand den heiligen Gral gefunden haben sollte, freue ich mich über die Erklärung eures Systems.

Gleichzeitig bekommt diese Debatte neuen Wind, wenn die Gastronomie die Idee flächendeckend aufgreift und Tischreservierungen im Voraus bezahlen lässt. Dann gibts noch weniger Trinkgeld. Bezahlungen per App sind auch nicht gerade förderlich.

Welche Lösungen gibt es also? Trinkgeld in die Speisepreise einrechnen, Löhne und Gehälter anheben. Hm, alles möglich und trotzdem finde ich dies zu dogmatisch. Das rüttelt noch nicht an dieser feststehenden Säule. Auf alle Fälle sollte sichergestellt werden, dass Servicemitarbeiter nicht auf das Trinkgeld angewiesen sind, um ein würdiges Leben zu führen. Dann lässt sich auch entspannter über dieses Thema reden und man kann mal so langsam umdenken.

Warum nicht mal kreative Ansätze wählen. Wie wäre es damit? Jeder Kunde zahlt automatisch einen Betrag X, der Teil seiner Gesamtrechnung wird und bekommt dafür Spielgeld, welches er an herausragende Mitarbeiter verteilen darf. Diese können das Spielgeld in echtes Geld einlösen. Das hätte Vorteile. Der Gast hat keine Schwierigkeiten mehr, abzuschätzen wie viel Trinkgeld angemessen ist. Er kann das Trinkgeld an jeden Mitarbeiter geben, der ihm positiv auffällt. Somit wären alle angehalten, einen großartigen Service zu leisten. Zusätzlich wäre die Gesamtsumme des Trinkgeldes vorkalkuliert und Streitereien innerhalb des Teams würden weniger.

Noch eine spielerische Idee. Nennen wir sie Tip Tak Toe. Der Gast gibt am Ende seines Aufenthalts Trinkgeld und der Kellner kann damit zocken. Gewinnt der Gast, dürfte er das Trinkgeld behalten. Gewinnt der Kellner, müsste das Trinkgeld verdoppelt werden. Damit würde der Abend sicherlich in Erinnerung bleiben.

Oder eine ökologisch einwandfreie und sozial moralische Lösung. Für jeden € Trinkgeld gibt der Gastronom einen Obolus für ein gemeinschaftliches Projekt seiner Wahl ab. Noch besser. Anstatt Trinkgeld, wird der Gast angehalten ein Projekt zu unterstützen. Dies kann dank technologischem Fortschritt direkt im Laden erfolgen.

Was habt ihr für Ideen?

 

 

6 Kommentare

  1. |

    Wie bitte kommen Sie auf darauf 10% Trinkgeld wären in Deutschland üblich. Ich bin seit fast 30 Jahren Kellner in Düsseldorf und muss sagen 10% sind eher nicht üblich. Beiträge wie dieser veranlassen vielleicht Gäste demnächst noch weniger Trinkgeld oder gar keins mehr zu geben.
    Die Gehälter in der Gastronomie sind ja wie sie vielleicht wissen eh etwas mager und findige Chefs werden wahrscheinlich versuchen noch eine Etage tiefer zu gehen, wenn so Leute wie Sie sagen die Kellner bekommen alle 10% Trinkgeld.
    Bitte demnächst nicht einfach irgendwelche Zahlen aus der Luft greifen.
    Übrigens sind die Grundgehälter der Köche wegen dem Trinkgeld meistens höher als die der Kellner.

    • Jan Scheidsteger
      |

      Moin Herr Wehres,
      herzlichen Dank für den Kommentar, den ich leider verspätet lese. Dies hat nichts mit dem Inhalt zu tun, den ich sehr wertvoll finde. Schließlich geht es um eine wichtige Diskussion in der Gastronomie.
      Die von mir genannte Zahl ist durchaus nicht aus der Luft gegriffen, sondern findet sich so in einigen Publikationen wieder. Grundsätzlich können es selbstverständlich auch mal 5% sein oder auch mal mehr. Darum geht es ja gerade.
      Ich verstehe ihren Ansatz, da ich selber seit Jahren in und für die Gastronomie arbeite. Deswegen plädiere ich ja in meinem Artikel auch für ein vernünftiges Grundeinkommen, so dass nicht jeder auf das Trinkgeld angewiesen ist. Es kann ja nicht in ihrem Interesse sein, dass jeder das gleiche Trinkgeld bekommt, egal wie viel Leidenschaft und Einsatz er/sie am Gast bringt.
      Vielen Dank für ihre Meinung
      Gruß

  2. |

    Ich habe noch nie in einer Cafeteria oder einer Kantine oder Mensa Trinkgeld gegeben, da ich die Systemgastronomie-Köche und die Mädels hinter der Kasse nicht als Kellner oder Köche wahrnehme. Interessanter Gedankengang über den ich mal nachdenken werde.
    Die vorgeschlagenen Alternativen sind zwar alle sehr amüsant, aber praktisch nicht durchführbar.. Ich finde das „klassische“ System gut und befürworte sogar die US-Variante Geringes Grundgehalt und ein höheres, aber leistungeorientiertes Trinkgeld. Wenn ich zuvorkommend bedinet werde und das Essen gut war, dann geb ich auch gerne 20% des Preises oben drauf. Wenn ich allerdings mein Steak statt rare well-done bekomme und die Kellnerin nur eine schnippische Antwort gibt, dann lasse ich demonstrativ 10 Cent auf dem Tisch liegen.

    • Jan Scheidsteger
      |

      Hallo Mark,
      sorry, dass ich es erst jetzt schaffe zu antworten. Dies hat nichts mit deinem Kommentar zu tun, den ich sehr wertvoll finde. Ich bin sicher, dass es keinen einen Königsweg gibt, weswegen ich gerne eine öffentliche Diskussion zu diesem Thema hätte. Gute Arbeit sollte wertgeschätzt werden. Gleichzeitig sollte es aber auch keine Selbstverständlichkeit sein. Wir haben uns glaube ich zu lange gemütlich im bestehenden System bewegt.
      Gruß
      Jan

  3. |

    Ahoi!

    Danke für den guten Post. Das Thema „Trinkgeld wie aufteilen“ wird auch bei uns gerade heiß diskutiert. Ich hab versucht, unseren derzeitigen Stand zu erfassen. Das ganze ist aber sicherlich Prozesshaft, wir sind noch nicht am Ende des Weges. Interessant ist in dem Zusammenhang aber sicherlich auch, dass das Trinkgeld rechtlich nicht aufgeteilt werden darf.

    Cheers

    Martin
    .> Den Post findest Du hier: http://wp.me/p7cGhA-1s

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